Im everskill-Expertengespräch „Stress! Organisationen im Schnellkochtopf Corona“ haben die Experten Dr. Thomas Gartenmann und Dr. Daniel Schmelzer diskutiert, wie wir als Individuen und als Unternehmen mit den Stressoren umgehen können, die auf uns wirken.

Die natürliche Reaktion von Menschen ist Fight-Flight-Freeze – wenn wir einem Löwen begegnen, ist dieses Verhalten sicher auch heute noch sinnvoll. Im unternehmerischen Alltag sieht das anders aus. Trotzdem verläuft unser Verhalten unbewusst nach dem ABC-Modell von Albert Ellis: Activating Event (Reiz), Belief (Bewertung), Consequences (Verhaltenskonsequenz). Es gibt also ein äußeres Ereignis, das wir unbewusst bewerten und auf das wir mit einem Gefühl reagieren. Dese Reaktion ist gelernt (und war irgendwann einmal hilfreich).

Wenn wir uns nun näher mit Stressmanagement beschäftigen, neigen wir zu der Annahme, unsere Reaktion auf den Stressfaktor steuern zu können. Doch ist das wirklich so?

1. Die Reaktion auf Stress kann und muss man trainieren

„Wir können uns nicht von heute auf morgen entscheiden, in Stresssituationen gelassener zu reagieren“, erklärt Daniel Schmelzer. Wir können unsere Einstellung zur Umwelt zwar ändern, aber nicht, indem wir uns einfach dafür entscheiden.

Denn in der Stresssituation reagieren wir intuitiv – eben mit gelerntem Verhalten. Deshalb müssen wir unsere Gedanken und unsere Handlungskompetenzen regelmäßig trainieren, damit wir sie bei Bedarf auch unbewusst abrufen können.

Wie beim Marathon: Wer sich heute entscheidet, einen Marathon in unter 2,5 Stunden laufen zu wollen, wird dieses Ziel morgen noch nicht erreichen. Wer dieses Ziel erreichen will, muss seinen Körper trainieren, damit er diese Strapazen bewältigen kann. Gleiches gilt für Stress: Wir müssen für die Stresssituation trainieren, damit wir beispielsweise im nächsten Meeting mit dem nervigen Kollegen besser gewappnet sind. Dazu müssen wir jeden Tag reflektieren und verstehen, was mit uns passiert, wenn wir gestresst sind.

Dies müssen wir vor allem in Situationen tun, in welchen wir nicht gestresst sind. In der Hitze des Gefechts greifen wir nämlich immer auf unsere antrainierten, unterbewussten Verhaltensweisen zurück.

2. Reflexion: Erfolg braucht ein „Warum“

Unsere unbewusste Reaktion auf Stress haben wir irgendwann einmal gelernt. Um dieses unbewusste Verhalten zu verändern, müssen wir es uns erst einmal bewusst machen und reflektieren: Was sind die Trigger, auf die ich reagiere? Thomas Gartenmann erklärt: „Kann ich üben, Abstand zu nehmen und meine Emotionen steuern, anstatt meine Emotionen mich steuern zu lassen?“

Das lässt sich trainieren, etwa indem wir uns – auch in normalen und gelassenen Situationen – mehrmals täglich fragen, wie wir uns gerade fühlen, ob wir angespannt, wütend oder ängstlich sind und warum. Mit dieser Selbstwahrnehmung gelingt es uns besser, anschließend im Meeting adäquat auf Stressoren zu reagieren.

Damit die Selbstreflexion gelingt, ist es wichtig, dass wir verstehen, warum wir uns mit unseren Stressreaktionen beschäftigen – es braucht ein „warum“, so Dr. Gartenmann weiter. Wenn wir das „muss“ in ein „warum“ wandeln, motiviert uns das und wir haben ein Ziel vor Augen. Wir sollten Spaß daran haben, unsere Reaktion auf Stress zu verändern.

Denn klar ist: Es hilft nicht, wenn wir uns selbst oder andere auffordern, weniger gestresst zu sein. Erfolg verspricht, wenn wir empathisch reagieren und andere co-regulieren. Wer in einer Stresssituation ist, erkennt selbst nicht, wie er sich fühlt. Da hilft die Reflexion von außen.

3. Stressmanagement erfordert Vertrauenskultur im Unternehmen

Die Experten sind sich einig: Damit Stressmanagement im Unternehmen funktioniert und Mitarbeiter sich gegenseitig empathisch in Stresssituationen unterstützen, muss Vertrauen ein gelebter Unternehmenswert sein. Problematisch dabei: Oft fehlen uns die Worte, um im professionellen Kontext über Gefühle zu reden. Thomas Gartenmann nutzt gern kurze Check-ins und fragt die Teilnehmer, wie es ihnen geht. Einzige nicht erlaubte Antwort dabei ist „gut“ – denn „gut“ ist kein Gefühl. So sind die Teilnehmer angehalten, sich wirklich mit ihrem Befinden auseinander zu setzen und es zu formulieren.

 

New call-to-action

 

Das ist notwendig, damit wir überhaupt handeln können – nur wenn wir etwas benennen können, können wir handeln. Um wiederum Vertrauen in Unternehmen zu etablieren, müssen Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen und selbst mit ihren Teams teilen, wie sie mit Stress umgehen und wie sie gelernt haben, Stressfaktoren zu begegnen. Neben persönlicher Exposition können Führungskräfte konkrete Fragen stellen. Beide Strategien funktionieren auch im virtuellen Raum, so dass auch bei Home Office und Remote Work gemeinsame Stressmanagement-Techniken in Teams eingesetzt werden können.

Grundsätzlich braucht es nämlich den Blick von außen, erklärt Daniel Schmelzer: „Menschen sind sehr schlecht darin zu verstehen, wie es ihnen gerade geht.“ Führungskräfte können Mitarbeiter in Stresssituationen unterstützen zu verstehen, was gerade mit ihnen passiert und wie sie dem Stress begegnen und wie sie trainieren können, beim nächsten Mal gelassener zu reagieren.

Denn hilflos ausgeliefert sind wir dem Stress nicht. Auch wenn ein Wundermittel fehlt: Mit Geduld, Empathie und Vertrauen können wir trainieren, künftig besser mit Stressfaktoren umzugehen.

 

 Unsere Experten

Dr. Thomas Gartenmann ist Managing Partner des Beratungsunternehmen aergon ag Zürich. Seit 2005 begleitet er Führungskräfte, Teams und Organisationen in Europa, Amerika und Asien bei ihrer Transformationsreise. Des Weiteren hat der zertifizierte Coach in Systemischer, Kognitiver- und Verhaltenspsychologie mehrere Jahre an der Universität St. Gallen gelehrt und ist Co-Autor des Buches „Transforming Leaders“.

 

Dr. Daniel Schmelzer ist Gründer der everskill GmbH und ist Doktor der Verhaltenspsychologie (Empathie als Führungsverhalten). Seine sechs Jahre Beratungserfahrung bei der Boston Consulting Group machen ihn zum Experten im Design von on-site und e-learning Trainingsprogrammen. Gleichzeitig verfügt er über eine langjährige Trainingserfahrung in den Bereichen Kommunikation und Führungsverhalten.

 

 

Quellen:

Simply Psychology | Cognitive Behavioral Therapy

everskill | So wichtig ist Selbstreflexion für Ihr Lernen